Selbstständiges Denken als Schlüssel zur Entwicklung

(erschienen in den Vereinsnachrichten „Indische Schule“ November 2011)

Narayana Murthy, der angesehene ehemalige Vorstandschef der Softwarefirma Infosys, beklagte am 3. Oktober 2011 in einer Rede vor einer Versammlung von ehemaligen Absolventen der IITs in Bangalore die unzureichende Leistung sowohl der Bewerber um einenPlatz in den renommierten Indian Institutes of Technology als auch der Absolventen dieser Institute.
(Wir haben in Nr.29/2 vom November 2009 der„Indische Schule“ über das Coaching-System vor der Aufnahmeprüfung berichtet.)

Das wird viele Inder überraschen und ihren Widerstand herausfordern, repräsentieren diese 16 IITs mit einer Aufnahmekapazität von 10.000 Studenten jährlich (2010 bewarben sich 480.000) doch den Stolz der Nation und sichern ihren Absolventen eine gut bezahlte Anstellung. Anderseits ist Narayana Murthy nicht irgendwer, sondern ein Fachmann ersten Ranges. Er ist Mitglied zahlreicher Verwaltungsräte internationaler Institute, z.B. in Stanford, Harvard und Yale. In den letzten 15 Jahren bekam er 16 indische und ausländische Ehrentitel und Preise, von denen in Europa am bekanntesten sein dürften: Ritter der Ehrenlegion (F), Commander of the Order of the British Empire, Weltunternehmer des Jahres 2003 (Ernst and Young). Er ist in Indien so angesehen, dass er schon überparteilich als Kandidat für die nächsten Wahlenzum Staatspräsidenten genannt wurde. Murthy begründet seine Kritik an dem System zunächst mit der falschen Art der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung bei der nicht die geeignetsten Bewerber zum Zuge kämen. In den Vorbereitungsklassen, die z.B. in Bangalore je nach Programm zwischen 40.000 und 150.000 INR (660 – 2300 EUR )kosten, werden die Kandidaten auf die Lösung von Aufgaben gedrillt, die in früheren Prüfungen gestellt worden sind.

Murthy fordert hingegen, dass in allen Prüfungen, eingangs und später, selbständiges Denken verlangt wird. Auch sollten die Studenten schon während des Bachelor in die Forschungsmethoden eingeführt werden, was bisher nicht der Fall ist. Dass dem nicht so ist, sieht er als Grund dafür an, dass die große Mehrheit dieser Elitestudenten in Beruf oder akademischer Fortbildung beispielsweise in den USA nur geringen Erfolg haben. Überdies bemängelt er die zu geringen Englischkenntnisse und das Fehlen von sozialen Kompetenzen.

Wenn Murthy noch eine Stufe tiefer schauen und die höhere Schulbildung untersuchen würde, könnte er schon hier die Wurzeln des Problems erkennen. Die Sekundarschulen unterrichten nach einem ähnlichen Prinzip wie die o.g. coaching classes, wenn natürlich auch auf niedrigerem Niveau. Ihr berechtigtes Ziel ist es, dass möglichst viele Schüler die 10. bzw. 12. Klasse Prüfung bestehen, nach deren Anforderungen sie dann ihre Unterrichtsmethoden ausrichten.

Wie wenig jedoch solche Prüfungen über die schulischen Leistungen oder über die Denkfähigkeit eines Schülers aussagen und wie viel über die (Un-) Fähigkeit der Beamten, die diese Aufgaben ausgearbeitet haben, zeigen die folgenden Beispiele der Englischaufgaben der 10.Klasse-Prüfung des Central Board of Secondary Education vom Jahr 2010. Die von dieser Behörde abhängigen Schulen (wie auch die Vivekananda School) gehören in Indien zu den angeseheneren Schulen.
Die Prüfungsaufgaben sind in die vier Teile Leseverständnis, Schriftliche Darstellung, Grammatik und Literatur unterteilt, die in 3 Stunden zu bearbeiten sind. Keiner der zahlreichen Texte hat einen Bezug zum gegenwärtigen oder späteren Leben 15/16-Jähriger Schüler in der indischen Gesellschaft. Auch die Sprachkenntnisse, die zugrunde gelegt werden, übersteigen die normalen Anforderungen an Schüler dieses Alters. Sie enthalten Fachvokabular oder ungebräuchliches Vokabular. .Auf diese Weise bemüht sich der Schüler nicht um Verständnis, sondern sucht in den Multiple-Choice-Antworten die passendste.

Einige Beispiele: Ein Text behandelt die Übersetzung eines Kafka-Textes in Tamil und, in diesem Zusammenhang, im letzten Satz, ein Problem der patriarchalischen indischen Gesellschaft. Jedoch gehen beide Themen weit über den Verständnishorizont eines indischen Jugendlichen hinaus. In einem anderen Text geht es um das Überwintern von Tieren (in Europa).

Hier wird die Kenntnis von zahlreichen Fachausdrücken (Dachs, Kröte, Igel), die nicht zum Grundvokabular gehören, vorausgesetzt. Ein weiterer Text behandelt die physischen Folgen des Rauchens. Das Thema wäre an sich passend, jedoch stellt der Text mit über 20 (!) Fachausdrücken in ca. 15 Zeilen nur eine pseudomedizinisch-chemische Abhandlung dar. Der Examenskandidat kann dies Fachvokabular nicht beherrschen, sondern nur oberflächlich nach der zwischen diesen Wörtern versteckten Textaussage suchen, wobei ihm die Multiple-Choice-Antworten Hilfestellung leisten. Eine Aussage etwa über die sozialen Folgen des Rauchens oder über die Interessen von Wirtschaft und Politik, die dahinter stehen, sucht man vergeblich, Fragen, die für die Bildung der Schüler von Bedeutung wären. Im nächsten Text wird den Schülern ein Gedicht der englischen Romantik des 19.Jahrhunderts vorgelegt. Weder Vokabular, noch Hintergrund, noch Situation können auch nur annähernd von den Schülern verstanden werden. So beschränkt sich die Aufgabe auf Detailverständnis: Wer schläft in der Wiege, das Kind oder der Neffe des Autors? Zum Literaturverständnis gibt es zum größten Teil Multiple-Choice-Aufgaben. Thematisch spielen in den meisten Textauszügen, meist Gedichten, abstrakte Begriffe und Vorstellungen eine Rolle (Sünden aus einem früheren Leben, Geister, Aliens), die nicht hinterfragt, sondern nur aus den Texten entnommen werden müssen. Eine Auseinandersetzung mit Problemen des Lebens in Indien kommt nicht vor.
Zieht man aus diesen Prüfungsaufgaben Rückschlüsse auf den Unterricht, so lässt sich sagen, dass ein guter Unterricht andere inhaltliche und methodische Zielsetzungen haben muss. Und hier finden wir den direkten Bezug zu der Kritik von Narayana Murthy:
Wie können durch einen so gestalteten Unterricht die von ihm erwartete Denkfähigkeit und die gewünschten sozialen Kompetenzen erworben werden? Murthy bezieht dabei seine Kritik nur auf die Elitestudenten. Wie viel schlimmer es um die einfachen Schulabgänger bestellt ist, muss jeder feststellen, der mit Indien zu tun hat.

Der Indische Schulverein versucht mit großer Mühe, diesem Problem entgegenzuwirken.