Der Indische Schulverein wird bald 36 Jahre vollenden, und wir hoffen und werden dafür arbeiten, dass er noch lange weiter lebt. Denn so lange sich die politische und wirtschaftliche Situation in Indien nicht grundlegend ändert, bestehen auch die Gründe fort, die damals zur Bildung des Vereins geführt haben. Die Entwicklung der Aktivitäten des Vereins in Deutschland, die Aufrechterhaltung sowie die Weiterentwicklung des
Schulbetriebs in Indien durch die Indian School Society und die Pflege der regelmäßigen Kontakte zwischen beiden Institutionen auch in der Zukunft stellen eine große Herausforderung dar.
Daher heißen wir besonders junge Leute willkommen, die Interesse für und Kenntnisse über Indien haben und die Zeit und Mühe aufzubringen bereit sind, um für den Verein tätig zu werden. Angesichts der wachsenden globalen wirtschaftlichen und politischen
Abhängigkeiten und der fortschreitenden engen Beziehungen Deutschlands und der EU mit Indien bietet der Indische Schulverein den jungen Leuten die Möglichkeit, Auslandserfahrungen zu machen und diese später für ihr Berufsleben nutzbar zu machen.
Der Verein wählte am 29. Juni in der Mitgliederversammlung die folgenden Mitglieder des
Vorstandes: Frau Dr. Ursula Brandis als Vorsitzende, Herrn Uwe Schmöe als Schatzmeister und stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Dr. Shiva-Kumar Sharma als Geschäftsführer, Herrn Dr. Claus Kühne und Frau Johanna Brägelmann als Beisitzer. Frau
Brägelmann, Studentin der Medizin, tritt an die Stelle der langjährigen Beisitzerin Frau Christa Krautwig, die aus privaten Gründen nicht mehr kandierte. In Dehra Dun, wo die Ziele des Vereins vorwiegend verwirklicht werden, ist von Anfang an versucht
worden, funktionsfähige und stabile Verwaltungsstrukturen zu entwickeln. Das wichtigste
Verwaltungsgremium am Ort stellt der Schulverwaltungsrat dar, dem einige Mitglieder des
Vereins, einige erfahrene Persönlichkeiten von außerhalb und die beiden Schulleiter angehören. Der Rat tagt monatlich und verwaltet die Schule stellvertretend für die Indian School Society, der er regelmäßig Bericht erstattet. Das für die tägliche Schulpraxis wichtigste Gremium ist das Schuldirektorium, dem beide Leiter und 7 weitere Lehrer angehören. Es ist verantwortlich für die Durchführung der Beschlüsse des Rates. Die sieben Lehrer in dem Gremium sind die Verantwortlichen der verschiedenen Sach- und Fachbereiche, wie die Grundschule, das Internat, die Unter- und Oberstufe der
Schule, Sprachen und künstlerische Fächer. Das Direktorium besteht seit zwei Jahren und befindet sich noch in der Probephase. Falls erfolgreich wird dieses langfristig der Schule eine verwaltungstechnisch erfahrene Mannschaft bieten und damit den Bestand der Schule gewährleisten. Die Aufgabe, einen Verwaltungsapparat am Projektort aufzubauen, war nicht leicht. Fehlende Arbeitsmoral und mangelnde
Sachkenntnisse der Akteure stellten ein großes Hindernis dar. Das in Indien verbreitete Desinteresse für gesellschaftliche Belange und die behördliche
Korruption legten zusätzliche Stolpersteine in den Weg. Wie schwer sich das Betreiben der Schule lange Zeit hindurch darstellte, kann aus der Tatsache
entnommen werden, dass die Vivekananda-Schule innerhalb von 36 Jahren 18 Leiter und hunderte Lehrer gewechselt hat. Für die Vereinsmitglieder in
Deutschland ist diese Situation nur schwer nachzuvollziehen.
Einige der krassesten Beispiele sollen die Probleme veranschaulichen: Vor ca. 30 Jahren versuchte eine der ersten Leiterinnen durch Geschenke an
Vorstandsmitglieder (Flitter von geringem Wert), die über ein Vereinsmitglied, das Dehra Dun besuchte, nach Deutschland geschickt wurden, Vorstandsmitglieder für sich günstig zu stimmen, also zu korrumpieren. Daraufhin wurde sie genauer beobachtet, und es zeigte sich bald, dass sie häufiger in der Schule fehlte. Einmal berichteten die
Schuleltern, dass sie 15 Tage lang die (damals sehr kleine) Schule geschlossen hatte, damit sie sich ihren privaten Angelegenheiten widmen konnte. Ihr Sohn,
ohne irgendein Examen, betrieb in Dehra Dun ein Nachhilfe-Unternehmen, bei dem die Mutter aushalf. So verlor sie ihren Posten und die Schule eine Leiterin. In einem anderen Fall aus den Anfangsjahren machte die Leiterin die Schule zu, da sie eine zehntätige Rundreise zu Pilgerstätten in Indien unternehmen wollte. Ein häufiger vorkommendes
Problem ist das folgende: Anfänglich baten immer wieder Lehrer um mehrere Tage Urlaub, wenn irgendein naher oder entfernter Verwandter heiratete. Es kommt den Familien nicht in den Sinn, ihre Feste in die Ferien oder auf ein Wochenende zu verlegen,
denn geheiratet wird immer nach dem von einem Astrologen bestimmten Termin. Wenn jetzt jemand ohne anerkannte Gründe oder Erlaubnis fehlt, hat er/sie mit finanziellen Sanktionen zu rechnen, so dass dies Problem sich inzwischen selten stellt.
Auch hat sich des Öfteren gezeigt, dass Männer mit Einfluss ihre Frauen als Lehrerinnen durchsetzen wollten. Wenn solch eine Frau nach Studium, guten Noten und positivem Einstellungsgespräch, so wie jeder andere auch, zur Probe angestellt wird, jedoch
ihren Pflichten nicht nachkommt, wird sie entlassen. In einem Fall hatte das zur Folge, dass ein Steuerbeamter der Bezirksregierung die Schule mit einer Gebäudesteuer illegal belegte, weil seine Frau, die als Lehrerin auf Probe in der Schule angestellt war,
wegen Nichteignung entlassen worden war. Die Schule musste den Fall bis zum Obersten Gerichtshof Indiens anfechten und konnte ihn gewinnen. Über weitere unerfreuliche Erfahrungen könnte man ein ganzes Buch schreiben. Die meisten Lehrerinnen oder Lehrer gehen weg, weil sie in einer anderen Stellung besser bezahlt werden oder weil sie woanders hin heiraten, oder sie müssen gehen, weil sie sich als
unfähig erweisen.
Eine Institution braucht engagierte Mitarbeiter, für die
die Gemeinschaftsinteressen gegenüber ihren persönlichen Interessen Vorrang haben. Der Mangel an Engagement für das Gemeinwohl ist nicht ein spezielles Problem der Vivekananda-Schule, sondern beeinträchtigt genauso die Effizienz des Staatsapparates und der Wirtschaft Indiens. Kenner der Materie können dies leicht bestätigen. Andere Schulen, auch die von Deutschland aus geförderten, leiden unter denselben Problemen. Dass diese in der Vivekananda School stärker auffallen, liegt an der engmaschigen Kontrolle, an den Sanktionen, an dem Mut und der Fähigkeit, Gerichtsverfahren durchzufechten. Der große Erfolg der Schule ist das Ergebnis eines ständigen Kampfes auf vielen Ebenen. Allmählich werden die Probleme geringer. Das Projekt kann fortschreiten. Die Schule hat heute eine gewisse Stabilität erreicht.
Seit 2002 arbeitet Frau Sunita Sharma als Leiterin der Schule. Sie wird seit 2007 von ihrem Stellvertreter Herrn Anjani Kumar Singh unterstützt. Die Beiden haben in der Schule als Lehrer angefangen und verfügen über eine langjährige Erfahrung. Sie kennen die Ziele und Richtlinien der Schule gut und können sie auch umsetzen. Noch eine weitere positive
Entwicklung in der Schule ist, dass allmählich ehemalige Schüler ein Interesse an der Arbeit in der Schule zeigen. Etwa 16 davon arbeiten bereits als Lehrer oder als Praktikanten. Offensichtlich haben sie eine ganz andere Haltung zu der Schule als diejenigen Lehrer, die in der Schule neu sind. Durch langzeitige Erfahrung und Bindung an die Schule sollen die Lehrer in den Verwaltungsorganen aufsteigen und die Kontinuität sichern. Auf diese Weise wird versucht, die Schulverwaltung zu demokratisieren, die Schulkontrolle auf breiterer Basis aufzustellen und zwischen der Schulverwaltung,
der Lehrerschaft und der Elternschaft für das Wohl der Kinder ein harmonische Schulleben zu entwickeln, das eine eigene Dynamik besitzt. Dies alles soll den
nachhaltigen Bestand der Schule und die weitere Entfaltung des Projekts sowie Kontakte zwischen Bonn und Dehra Dun sichern helfen. Die erzielten Ergebnisse sollen am Ende dem entsprechen, was der Verein von Anfang an als sein Projekt konzipiert hat,
nämlich die Gründung einer experimentellen Modellschule, die sich beispielhaft demokratisch organisiert und Vorbildcharakter hat. (SKS)